< 4. Fachforum Industrie 4.0 und Logistik: „Aktuelle Ansätze für die Digitalisierung der Logistik aus der Praxis“
23.05.2017 10:03 Alter: 154 days

17. BranchenForum Stahl - Zukunftsperspektiven und Digitalisierung


Am 17. Mai fand in Dortmund bereits zum 17. Mal das BranchenForum Stahl des Landesverbandes TransportLogistik und Entsorgung im Verband für Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen (VVWL) e.V. in Zusammenarbeit mit dem Logistikcluster NRW statt. Traditionell bot die Veranstaltung eine gemeinsame Ebene für den Austausch über wichtige strategische Themen für den Stahltransport, die Stahllogistik und die Stahlmärkte. Entsprechend konnte Hermann Grewer, Vorsitzender des Verbandes Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen (VVWL) e.V. sowie Mitglied des Lenkungskreises Logistikcluster NRW, nicht nur Kolleginnen und Kollegen Stahltransporteure und -Logistiker, sondern auch viele weiterer Vertreter aus Stahlindustrie, Stahlhandel, Stahl-Service-Centern, Fahrzeugindustrie, Materialflusstechnik, aus den Häfen und den Umschlagsbetrieben, von Schifffahrt und Eisenbahnen begrüßen. In seiner Begrüßungsrede nahm er auch zur anhaltenden Strukturdiskussion in und um die europäische Stahlindustrie Stellung und machte deutlich, dass die Transport- und Logistikdienstleister in der Vergangenheit bereits durch hohe Flexibilität und Kundenorientierung, aber auch durch die Kosten-Optimierungen der vergangenen Jahre nennenswerte Beiträge zur Partnerschaft mit der Stahlindustrie geleistet haben. „Eine Partnerschaft hat aber auch einen Preis: Das reine Denken in kurzfristiger Einkaufspreisoptimierung ohne angemessene Refinanzierungszeiträume wirkt kontraproduktiv und ist mittelfristig nicht mehr zielführend“, betonte Grewer mit Blick auf mögliche Kostenoptimierungen.

Unter der bewährten Moderation von Michael Cordes, Redakteur der Verkehrsrundschau, erläuterten Experten in Einzelvorträgen und in zwei Podiumsdiskussionen aktuelle Aufgabenfelder der Stahllogistik.

Karsten Lork, Mitglied des Vorstandes Klöckner & Co.SE, befasste sich mit der Digitalisierung in Stahlbranche und Stahllogistik und forderte eine Transformation,  über welche die fragmentierte Branche die heute noch ineffiziente und intransparente Supply Chain in ein auf eine digitale Plattform gestützten Prozess weiterentwickeln kann. Das sei ein mühsamer Prozess, Klöckner sei aber hier schon recht weit. „Die Stahlindustrie arbeitet oft noch so wie in den 90er Jahren - mit viel Papier und vielen Telefonaten“, kritisierte er. Das sei zwar zwischenmenschlich recht schön, aber sehr zeitintensiv. Durch die fortschreitende Digitalisierung können Kunden nicht nur offene Mengen und Verfügbarkeiten prüfen und direkt einen Folgevertrag abschließen. In Folge einer besseren Vernetzung erwarte er für Klöckner & Co. SE bis zum Jahr 2020 um 20 % sinkende Bestände und damit weniger gebundenes Kapital. Als Beispiel für den fortlaufenden Transformationsprozess nannte er den Einsatz von Datenbrillen im Lager, wodurch auch Sprachbarrieren wegfallen würden. Der digitale Wandel würde jedoch hohe Anforderungen an die interne Kommunikation stellen. „Bloß nicht den Hauch von Geheimniskrämerei aufkommen lassen! Transformation hat nur dann Erfolg, wenn sie von der Unternehmensspitze mitgetragen und vorgelebt wird“, riet Lork.

Dirk M. Müller, Geschäftsführer Rheinkraft International GmbH und Mitglied des Fachausschusses, Stahltransporte im VVWL, sprach über die Digitalisierung im Schwerlastverkehr. Als Beispiel für digitale Fortschritte nannte er die neue RKI-App, über die das Unternehmen mit seinen Fahrern in deren Muttersprache kommunizieren könne. „Während aber die Grenzen zwischen einer Transportmesse und der CeBIT immer fließender werden, beschränkt sich im Schwerlastverkehr eGovernment gefühlt auf VEMAGS“, kritisierte Müller. Und dabei würde VEMAGS als bundeseinheitliches Produkt zur Online-Abwicklung des Antrags- und Genehmigungsverfahrens für Großraum- und Schwertransporte auch noch ohne Mehrwert nur 1:1 den ursprünglich analogen Papierprozess abbilden. Auch wenn für hochautonome Systeme ein neues Risikomanagement nötig sei, empfahl er den Zuhörern: „Was vor wenigen Jahren noch als Undenkbar galt, ist heute schon Wirklichkeit. Abwarten ist bei der Digitalisierung wirklich keine Option.“

Benedikt Althaus, stv. Geschäftsführer des Landesverbandes TransportLogistik und Entsorgung stellte das digitalisierte Genehmigungsverfahren in den Niederlanden vor, für welches das deutsche VEMAGS Pate gestanden hatte. Althaus lobte den deutschsprachigen Service des niederländischen Rijksdienst vor het Wegverkeer mit seinen – insbesondere bei Fahrzeugen bis 50 Tonnen – kurzen Bearbeitungszeiten. „Zu Recht sind die Niederländer stolz auf die digitale Straßenkarte ‚DWO‘, die Baustellen, Ablastungen und Sperrungen tagesaktuell abbildet“, schloss Althaus seinen Bericht. Mit der Anerkennung ausländischer Leistungen würde der VVWL jedoch keineswegs nur den Finger in die innerdeutsche Wunde legen, sondern konstruktiv an einer Verfahrensverbesserung mitarbeiten.

Jörg Reißing aus der Abteilung III, Straßeninfrastruktur und Straßenverkehr, des NRW-Verkehrsministeriums, sprach über aktuelle Entwicklungen beim digitalen Routing für Lkw und Schwertransporte in NRW. Durch die steigende Verkehrsleistung bei gleichzeitig sanierungsbedürftiger Infrastruktur stünden gerade im Schwerlastbereich Unternehmer vor dem Problem, dass bestimmte Strecken nicht immer zur Verfügung stünden. Eine Hilfe sei hier das Projekt NWSIB (http://www.nwsib-online.nrw.de), in dem Kartendaten mit Straßeninfrastrukturangaben aller Autobahnen, Bundes- und Landstraßen enthalten seien. Derzeit liefen die Abschlussarbeiten an der Digitalen Krankarte NRW, in welcher alle Auflagen ersichtlich seien. Nach finaler Freigabe soll diese um weitere Schwertransporttypen ergänzt werden. „Verkehrliche Restriktionen und Baustellen müssen bundesweit zur Verfügung stehen und ständig aktualisiert werden. Unser Ziel ist es, alle Auflagen für jede Strecke direkt ersichtlich darzustellen und so das Verfahren erheblich zu beschleunigen“, betonte Reißing. Zur Kritik an VEMAGS erklärte er, dass durch die Anhörungspflicht aller beteiligten Behörden und Baulastträger das Verfahren nicht schlanker gestaltet werden könne. Immerhin sei das Verfahren per Telefax Vergangenheit und eine Weiterentwicklung zum digitalen Routing sei geplant.

Dr. Jörn Quitzau, Senior Economist und Leiter Wirtschaftstrends, Berenberg Bank, Joh. Berenberg, Gossler & Co.KG, erläuterte den Zuhörern das wirtschaftliche Umfeld. Die Zinslandschaft wäre laut Quitzau auch ohne die Geldpolitik der EZB niedrig, denn die hohe Sparquote in Deutschland führe zu einem Überangebot an Kapital und somit zu einem niedrigen Zins. Der Trend zum Sparen sei auch durch den demographischen Wandel begünstigt, schließlich hätten die Menschen begriffen, dass erhebliche Rentenlücken zu schließen seien. Allerdings wären die Masseneinkommen durch stabile Preise gesichert, was den Konsum begünstigen würde. Darüber hinaus würde die anhaltende Wechselkursschwäche der europäischen Wirtschaft zugutekommen. „Die Konjunktur brummt und wird das auch weiter tun, die Zinsen bleiben niedrig und die Welt kompliziert“, fasste Quitzau seinen Vortrag zusammen. Die Industrie, auch die Stahlindustrie, müsse sich langfristig auf ressourcenärmere, d.h. auch weniger materialintensive, Wachstumsszenarien, einstellen.

Dr. Martin Theuringer, Geschäftsführer und Leiter Geschäftsfeld Wirtschaft und Märkte, Wirtschaftsvereinigung Stahl e.V., stellte die Stahlkonjunktur 2017/18 in Deutschland und Europa vor. Dabei bestätigte er zwar, dass sich die Konjunktur gefestigt habe und die Indikatoren nach oben zeigten, aber dies sei kein Boom, sondern nur eine moderate Erholung. Problematisch sei, dass der Maschinenbau seit drei Jahren stagniere und in Südeuropa zu wenig Schwung in den Stahlmarkt käme; so liege Spanien derzeit immer noch 45 % unter Vorkrisenniveau. Fraglich sei, ob der Rückgang des chinesischen Exports nachhaltig sei, denn die Überkapazitäten blieben auf unverändert hohem Niveau während die Nachfrage sinke. Derzeit wären zwei Drittel der globalen Überkapazitäten in China lokalisiert. Die derzeitige America-first-Politik schränke den Handel ein. Konsequenter Handelsschutz sei zwar unverzichtbar, müsse aber sauber bleiben.

Anschließend diskutierten gemeinsam mit Dr. Jörn Quitzau, Karsten Lork, und Dr. Martin Theuringer auch Dr.-Ing. Sebastian Bross, Geschäftsführer Vertrieb und Logistik, Salzgitter Flachstahl GmbH und Rolf Bennemann, Niederlassungsleiter Stute Logistics (AG & Co.) KG sowie Mitglied des Fachausschusses Stahltransporte im VVWL NRW. Bross beschrieb die aktuelle Entwicklung damit, dass Auslastung früher ein wichtiger Indikator für Profitabilität gewesen sei, was aber seit mehreren Jahren nicht mehr gegeben wäre. Darüber hinaus hätte Salzgitter Flachstahl früher die Rohstoffe zum Jahrespreis gekauft, während heute der Rohstoffmarkt schon fast spekulative Züge aufweisen würde. Kritisch betrachtete er den Emissionsrechtehandel. Die daraus resultierenden Belastungen würden in der produzierenden Wirtschaft die erzielbaren Gewinne deutlich übersteigen können, so dass dies zum Abwandern der Industrie in Länder mit niedrigeren Umweltauflagen führen könnte. Natürlich wäre davon Salzgitter Flachstahl ebenfalls betroffen, nicht zuletzt weil zwei Drittel der produzierten Stähle von der in Deutschland immer noch starken Automobilindustrie verwendet würden. Bennemann machte die Probleme der Logistik beim Straßentransport deutlich. Auch wenn der Großteil der Rohstoffe und Produkte über Bahn und Binnenschiff abgewickelt würden, sei der Straßentransport für die Stahlindustrie unerlässlich. Dabei würde der sich zuspitzende Fahrermangel ein hohes Maß an Improvisationstalent und Priorisierung erfordern, um nicht selbst guten Kunden sagen zu müssen, dass nichts mehr geht. Die Volatilität der Märkte stelle die Logistik dabei vor zusätzliche Herausforderungen. Zunehmend schwieriger werde das Zeitmanagement des Fahrpersonals: „Durch Staus und die marode Infrastruktur kann es vorkommen, dass Fahrer kurz vor dem Ziel noch eine halbe Stunde Pause einlegen müssen, denn die Sozialvorschriften werden in Deutschland streng kontrolliert“, warb er für mehr Verständnis seitens der Auftraggeber.

In seinem Schlusswort dankte Dr. Christoph Kösters, Clustermanager Logistik.NRW und Hauptgeschäftsführer des VVWL, den Referenten. Bezogen auf die Kritik aus dem Publikum zum ausufernden Zeitfenstermanagement mahnte Kösters eine Optimierung für die gesamte Lieferkette an. Oftmals seien die Systeme zwar auf die Bedürfnisse der direkten Anwenders ausgerichtet, würden aber die Umstände der Empfänger und insbesondere die notwendige Systemoptimierung der Transporteure und Spediteure für ihre Ressourcen (Gesamtoptimierung der Fahrzeugeinsätze) nicht oder nur unzureichend berücksichtigten.


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